Stagflation hat die US-Konjunktur im Griff

Dienstag den 4.03.2008 - Abgelegt unter: Wirtschaft - 5 Kommentare »

Sie ist der Schrecken aller Politiker und Wirtschaftsexperten. Schlimmer noch als Inflation oder ein verlangsamtes Wirtschaftswachstum bzw. eine Rezession, also ein Schrumpfen der Wirtschaft, vereinigt die Stagflation beide Extreme in sich. Eine steigende Inflation geht einher mit einem negativen Wirtschaftswachstum. Neueste Zahlen belegen, dass sich die US-Wirtschaft schon in einer solchen Phase der Stagflation befindet.

Zu diesem Schluss kommen auch die Experten der National Association for Business Economics (NABE) in ihrem Forecast (Bericht unter „NABE Forecasters: Stagflation in ‚08“).

Die Inflation auf der einen Seite lag, gemessen am Preisindex des produzierenden Gewerbes (Producer Price Index – PPI), innerhalb der letzten zwölf Monate bei 7,4 Prozent. Im Januar 2008 alleine betrug die Teuerungsrate 1 Prozent, was aufs Jahr gerechnet eine Inflationsrate von zwölf Prozent bedeuten würde. Dabei waren es Ölpreise mit bis zu 8,5 Prozent im Nordosten der USA, Benzinpreise mit 2,9 Prozent, Nahrungsmittel mit 1,7 Prozent und Energiepreise mit 1,5 Prozent, welche sich am meisten verteuerten. Im Vergleich zur Inflation in Deutschland sind diese Zahlen jenseits von Gut und Böse. Diese eine Voraussetzung für das Vorliegen einer Stagflation ist also eindeutig gegeben.

Kommen wir zur anderen Seite einer Stagflation, der Verlangsamung des Wirtschaftswachstums, im Extremfall sogar einem negativen Wirtschaftswachstum. Hierzu wurden letzte Woche Zahlen des US Commerce Departments veröffentlicht, nach denen das Wirtschaftswachstum in den USA im vierten Quartal 2007 auf nur noch 0,6 Prozent und damit den tiefsten Stand seit fünf Jahren gefallen ist. Diese Zahlen haben selbst Experten überrascht, welche durch die Bank mit einer robusten Konjunktur aufgrund der hohen Exportquote rechneten.

Steigende Inflation und ein verlangsamtes Wirtschaftswachstum sind also eindeutig nachzuweisen. Die Stagflation hat die US-Wirtschaft also bereits erreicht, auch wenn Ben Bernanke, der Chef der amerikanischen Notenbank FED dieses Wort weder gerne hört, noch in den Mund nimmt.

Was diese Zahlen allerdings nicht aussagen können ist, wie lange diese Stagflation andauern wird. Bei der Eindämmung der Inflation wird die FED Mühe haben, denn die Leitzinsen wurden erst kürzlich massiv gesenkt und so die Märkte mit billigem Geld geflutet, was zwar die Wirtschaft ankurbelt, aber gleichzeitig auch die Inflation verstärkt.

Auf den amerikanischen Verbraucher kann man sich auch nicht verlassen, denn anders als der deutsche Durchschnittsbürger (siehe Statistik zur Sparquote) hat ein typischer amerikanischer Staatsbürger in den letzten Jahren eine negative Sparquote vorzuweisen. Eine negative Sparquote bedeutet dabei, dass ein Haushalt mehr Geld ausgibt, also einnimmt. Der Fachmann spricht hier vom Entsparen, wenn dies aus Eigenmitteln geschieht und von Verschuldung, wenn dies über Kredite und Darlehen stattfindet. Zwar ist auch in Deutschland das Kreditvolumen der Privathaushalte in den letzten 15 Jahren inflationsbereinigt um mehr als 70 Prozent angestiegen, jedoch kann man die hiesige Situation nicht mit der in den USA vergleichen, wo Verbraucher teilweise schon seit Jahren eine Kreditkarte nach der anderen bis zum Limit ausgereizt und nebenher ihr Haus mit einem scheinbar zinsgünstigen Hypothekenkredit mit variablem Zinssatz finanziert haben, der sich nach dem Anstieg der Leitzinsen innerhalb der letzten Jahre nun zur Schuldenfalle entwickelt hat (wir berichteten bereits unter „Pfändungen und Zwangsvollstreckungen 2007 in den USA“ sowie „Neue Ausmaße der US-Hypothekenkrise“) über diese Entwicklungen.

Sollte die Stagflation in den USA länger anhalten oder mit viel Glück in einer Rezession enden, kann man nur hoffen, dass diesmal China und die BRIC-Staaten die Rolle der Konjunkturlokomotive übernehmen und die Feuer der Weltwirtschaft am brennen halten werden (einen interessanten Einblick in die asiatische Wirtschaft liefert übrigens das Buch „Nachbar China“, zu welchem sich unter vorgenanntem Link eine ausführliche Rezension findet). Einen Blick auf die indische Sicht zur wirtschaftlichen Entwicklung in Indien als einem der vier BRIC-Staaten gibt der Blog von insm.com und auf „Wirtschaftswachstum in Asien“ stellt fob-marketing.de ausführliche Informationen und Links zu diesem Thema bereit.

5 Kommentare

  1. Harm Wulff am

    Ich bin der Ansicht durch die Stagflation ist die Wirtschaft der USA nicht stark gefährdet. Diese schwachen ökonomischen Daten könnten einen Anlass dafür sein die Zinsen zu senken. Viele amerikanische Finanzexperten werden außerhalb der Vereinigten Staaten nach neuen Finanzquellen suchen.

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  2. admin am

    Naja, wo sollen die Zinsen denn noch hingesenkt werden? Die Realzinsen, also die Zinsen nach Inflation, sind in den USA schon negativ, was eine Verschuldung quasi zum Nulltarif ermöglicht. Irgendwie hab ich das Gefühl, dass Du nicht wirklich Ahnung von dem hast, was Du da schreibst.

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  3. mp am

    Wie wäre es denn, wenn die USA Regierung den Häuslebauern einen zinslosen Kredit gewährt, wie es in Deutschland ja für Einkommensschwache und Kinderreiche ja auch mal zumindest als Subvention (Eigenheimzulage) zur Ankurbelung der Wirtschaft gedacht war. Wird zwar zur Ankurbelung der Wirtschaft nicht mehr funktionieren, da die Häuser bereits gebaut sind, aber doch einen grossen Teil der Zwangsversteigerungen verhindern helfen.

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  4. Andreas Herrmann am

    Zinssenkung hin und Zinssenkung her … das Problem ist wie es ist und die Ursprünge sind meiner Meinung nach natürlich in einer schwächelnden Wirtschaft und einem viel zu starken Euro zu sehen. Das Eingreifen der US-Regierung ist ganz sicher notwendig um noch schwerwiegendere Schäden zu verhindern … Daher denke ich, dass wir hier drüben gleichfalls sehr wachsam sein sollten, ganz besonders dann, wenn da drüben wieder alles im Finanzlot ist.

    Liebe Grüße aus Hamburg!

    Andreas Herrmann

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  5. admin am

    Der starke Euro ist doch letzten Endes eine Reaktion auf die Entwicklung unter anderem auch der US-Wirtschaft. Was die US-Regierung derzeit macht, ist im Grunde genommen eine Kapitulationserklärung an ihr Finanzsystem, denn dieses würde ohne staatliche Unterstützung aktuell kaum überleben.

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