Der Kreditbedarf deutscher Privathaushalte

Samstag den 5.01.2008 - Abgelegt unter: Wirtschaft - 6 Kommentare »

In letzter Zeit war immer mal wieder vom signifikant erhöhten Kreditbedarf deutscher Privathaushalte zu lesen. Wie wir im Rahmen unserer Statistiken bereits aufgezeigt haben, stieg laut Zahlen der Deutschen Bundesbank das Volumen, mit dem die deutschen Verbraucher bei ihren Banken in der Kreide stehen, von 755 Mrd. Euro im Jahre 1991 auf 1.555,80 Mrd. Euro im Jahre 2006. Das entspricht einem Zuwachs von rund 106 Prozent in 15 Jahren. Die entsprechenden Zahlen für die einzelnen Jahre haben wir Ihnen nachfolgend einmal aufbereitet:

Jahr

Wachstum des
Kreditvolumens kumuliert

Kreditvolumen
deutscher Privathaushalte

1991

0,0%

755,00

1992

9,4%

825,60

1993

18,3%

893,10

1994

30,3%

983,50

1995

41,6%

1.069,30

1996

51,8%

1.146,00

1997

61,9%

1.222,20

1998

70,1%

1.283,90

1999

82,7%

1.379,70

2000

93,1%

1.457,60

2001

98,7%

1.500,30

2002

101,0%

1.517,40

2003

103,2%

1.534,50

2004

104,4%

1.542,90

2005

104,5%

1.543,90

2006

106,1%

1.555,80

Quelle: Deutsche Bundesbank

Doch ist diese Zahl alleine wenig aussagekräftig. Dass jemand einen Kredit aufnehmen muss, kann mehrere Gründe haben und ist eine Erhöhung dieses Bedarfs kann nicht ursächlich nur auf das gesteigerte Ausgabeverhalten der Privathaushalte zurückgeführt werden.

Von daher schauen wir doch erst einmal, welche Faktoren aus diesen Zahlen herausgerechnet werden müssen, um auf den tatsächlichen und realen Zuwachs an Krediten pro Kopf bzw. insgesamt zu gelangen.

Dabei fallen sofort zwei Größen auf, deren Berücksichtigung für die Ermittlung des realen Zuwachses unabdingbar sind: die Inflation und der Bevölkerungszuwachs.

Die Inflation sorgt dafür, dass die Kaufkraft des Geldes in dem Maße sinkt, wie die Preise für Güter und Dienstleistungen steigen. Je höher also die Inflation, desto mehr müssen die Verbraucher ausgeben, um sich dasselbe leisten zu können. Diesbezüglich haben die letzten Zahlen zur Teuerungsrate aufhorchen lassen, welche deutlich über den Schätzungen lagen und auch für 2008 eine weiterhin hohe Inflation voraussagen. Einen interessanten Beitrag dazu finden interessierte Leser beim financeblogger.de unter „Stark: Inflation in kommenden Monaten über 2%“.

Was die Bevölkerungszahlen angeht, ist die Sache auch ganz klar: mehr Verbraucher haben auch einen höheren Kreditbedarf. Die Daten für die Entwicklung dieser beiden Größen sehen Sie nachfolgend tabellarisch und grafisch aufbereitet:

Jahr

Inflation absolut

Inflation kumuliert

1991

0,00%

1992

5,10%

5,10%

1993

4,40%

9,72%

1994

2,70%

12,69%

1995

1,70%

14,60%

1996

1,50%

16,32%

1997

1,90%

18,53%

1998

0,90%

19,60%

1999

0,60%

20,32%

2000

1,40%

22,00%

2001

2,00%

24,44%

2002

1,40%

26,18%

2003

1,10%

27,57%

2004

1,60%

29,61%

2005

2,00%

32,20%

2006

1,70%

34,45%

Jahr

Bevölkerung in Mio.

Bevölkerungszuwachs kumuliert

1991

80,275

0,0%

1992

80,975

0,9%

1993

81,338

1,3%

1994

81,539

1,6%

1995

81,817

1,9%

1996

82,012

2,2%

1997

82,057

2,2%

1998

82,037

2,2%

1999

82,163

2,4%

2000

82,260

2,5%

2001

82,440

2,7%

2002

82,537

2,8%

2003

82,532

2,8%

2004

82,501

2,8%

2005

82,438

2,7%

2006

82,315

2,5%

Quelle: Deutsche Bundesbank, Statistisches Bundesamt

Ziehen wir Inflation und Bevölkerungswachstum von den absoluten Zahlen des Wachstums des Kreditvolumens ab, gelangen wir zu einem bereinigten Wachstum von nur noch 69,07 Prozent im Zeitraum von 1991 bis 2006. Rund 38 Prozentpunkte des totalen Zuwachses sind also auf die Inflation und das Bevölkerungswachstum zurückzuführen.

Nun haben wir erstmal alle verzerrenden Faktoren aus dem Kreditbedarf herausgerechnet. Doch sind die Deutschen wirklich so konsumfreudig und geben von Jahr zu Jahr mehr Geld für den Konsum aus, welches Sie sich auf der anderen Seite von den Banken oder über einen Privatkredit leihen? Oder ist es nicht vielmehr so, dass immer mehr Haushalte derart nah am Existenzminimum leben, dass sie einen Teil ihrer Lebenshaltungskosten über die Aufnahme von Krediten finanzieren müssen? Letzteres nennt man „Entsparen“ und entgegen der ersten Annahme ist eine negative Sparquote zum Beispiel in den USA gar nicht unüblich, wie man auch im Blog von markt-daten.de unter „US-Sparquote wieder negativ“ nachlesen kann. Ein wichtiger Aspekt in dieser Betrachtung ist die so genannte Sparquote. Sie gibt den Anteil am frei verfügbaren Einkommen eines Haushaltes wieder, der angespart werden kann. Die Entwicklung dieser Sparquote im Zeitverlauf können Sie der nachfolgenden Tabelle entnehmen.

Jahr

Sparquote absolut

Veränderung gegenüber Vorjahr in Prozent

Veränderung kumuliert in Prozent

1991

12,90%

0,00%

0,00%

1992

12,70%

-1,55%

-1,55%

1993

12,10%

-4,72%

-6,30%

1994

11,40%

-5,79%

-12,40%

1995

11,00%

-3,51%

-16,67%

1996

10,50%

-4,55%

-21,82%

1997

10,10%

-3,81%

-26,67%

1998

10,10%

0,00%

-27,72%

1999

9,50%

-5,94%

-33,66%

2000

9,20%

-3,16%

-38,95%

2001

9,40%

2,17%

-38,04%

2002

9,90%

5,32%

-31,91%

2003

10,30%

4,04%

-26,26%

2004

10,40%

0,97%

-24,27%

2005

10,50%

0,96%

-23,08%

2006

10,50%

0,00%

-22,86%

Auf den ersten Blick können wir dieser Statistik entnehmen, dass die Sparquote privater Haushalte im Zeitraum von 1991 bis 2006 um fast 23 Prozent abgenommen hat.

Jetzt stellt sich die Frage, wie ein steigendes Kreditvolumen und eine sinkende Sparquote zusammenpassen. Dazu müssen wir uns die Einkommensverteilung der privaten Haushalte anschauen. Auf dem Blog von Seibert Media finden wir dazu aktuelle Statistiken, laut denen Ende 2005 47,1 Prozent der steuerpflichtigen Ledigen ein zu versteuerndes Jahreseinkommen von unter 20.459 Euro und 57,8 Prozent der Ehepaare ein zu versteuerndes Einkommen von unter 40.918 hatten.

Wie wir bereits in unserer Statistik zur Sparquote privater Haushalte angeschnitten hatten, können Haushalte unterhalb eines bestimmten Einkommens gar keine Ersparnisse mehr bilden. Im Gegenteil, sie müssen teilweise Kredite aufnehmen, um ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können. Eine sinkende Sparquote kann deshalb volkswirtschaftlich durchaus mit einem steigenden Kreditbedarf einhergehen, vielmehr besteht zwischen beiden Größen sogar ein direkter Zusammenhang.

Im Übrigen ist eine steigende Verschuldung privater Haushalte kein typisch deutsches Problem. Im Vergleich zu amerikanischen Konsumenten sind die Verhältnisse hierzulande geradezu paradiesisch und auch in Großbritannien kann man die Tage sehen, wie wacklig der Schuldenturm privater Haushalte ausgebaut ist, von dem ein Großteil auf Immobilienkrediten beruht, deren Besicherung – wie es im Blog vom Antibürokratieteam wunderbar nachzulesen ist – mit sinkenden Hauspreisen arg ins Wanken gerät.

Ein Wachstum der Pro-Kopf-Verschuldung in Deutschland von rund 70 Prozent in gerade einmal 15 Jahren ist vielleicht auch einmal Anlass, über das eigene Konsumverhalten oder die gesamtwirtschaftliche Situation an sich nachzudenken. Über anregende Diskussionen zu diesem Thema würde ich mich sehr freuen.

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